Verabschiedung der Abiturientinnen und Abiturienten des Jahrgangs 2016 im Foyer des Max-Planck-Gymnasiums

Abend des 27. Juni 2016 erhielten die Abiturientinnen und Abiturienten des Max-Planck-Gymnasiums in Schorndorf ihr Reifezeugnis in feierlichem Rahmen überreicht. Nach der Ansprache durch den Schulleiter Günther Harsch, vielen guten Wünschen für die Zukunft, die der Elternvertreter Herr Dürr überbrachte, und der Scheffelpeisrede von Anna Teegelbekkers konnten 112 Abiturzeugnisse, davon 24 mit der 1 vor dem Komma überreicht werden. Erfreulich: Zwei Schüler mit Note 1,0. 22 Preise für sehr gute Leistungen, sechs Belobungen für gute Leistungen und insgesamt 28 Sonderpreise verliehen werden.

 

Scheffelpreis-Rede, Anna Teegelbekkers (27. Juni 2016)

Vor eineinhalb Wochen erreichte mich die E-Mail, in der mir mitgeteilt wurde, dass ich als Preisträgerin des Scheffelpreises heute die Ehre habe diese Rede zu halten. Hinter dem Wort „Ehre“ war übrigens in Klammern „und Pflicht“ hinzugefügt und ich will ehrlich sein, das beschreibt meine Einstellung zu dieser Rede treffender. Mein Problem ist nicht das Reden, das habe ich schon immer gerne gemacht. Mein Problem sind auch nicht die laut Vorgabe erforderlichen 1.000 Wörter, die schreibe ich sonst in meinen Deutschaufsätzen mit links. Mein Problem ist das hier erforderliche kreative Schreiben. Ich habe im Abitur einen Werkvergleich geschrieben – und das aus gutem Grund. Wenn es etwas gibt, das ich nicht gerne tue, dann ist das Schreiben ohne Vorgaben und Konzept. Fragen Sie mal meine Deutschlehrerin Frau Wenzel, wie gerne ich mich mit dem kreativen Essay befasst habe.

Tatsächlich könnte ich Ihnen alle Metaphern, Anaphern, Alliterationen, Parallelismen und rhetorischen Fragen aus einem Textauszug aus Dantons Tod heraussuchen und funktional deuten, ich könnte für Sie das Metrum eines Gedichts bestimmen oder Agnes’ Verhältnis zum Tod analysieren und mit dem Walter Fabers’ vergleichen, aber mit der Aufgabe eine Rede zu schreiben, war ich im ersten Moment vollkommen überfordert.

Also befolgte ich den Rat mir Anregungen aus den Scheffelpreisreden der letzten Jahre zu holen. Allerdings war ich nicht wirklich begeistert von dem, was ich fand: Ich will Ihnen nichts über das Leben des Namensgebers Joseph Victor von Scheffel erzählen und ich will Sie auch nicht mit dem Inhalt unserer Deutsch-Sternchenthemen langweilen, mit denen wir uns schon ausreichend herumgequält haben. Trotzdem dürfen wir nicht vergessen, dass es sich beim Scheffelpreis um einen Literaturpreis handelt, der zum Ziel hat, das Interesse an künstlerischer und wissenschaftlicher Literatur zu beleben. Deswegen wollen wir uns anstelle der Werke von Büchner, Frisch und Stamm lieber den Sagen der griechischen Mythologie widmen.

„Abikropolis, die Götter verlassen den Olymp“. So lautet unser ABI-Motto. Meiner Meinung nach lässt sich dieses ziemlich gut auf unsere Schulzeit am MPG anwenden und auch wenn ich Parabeln hasse, so werde ich es doch einmal mit einer Metaebene versuchen und die Bild- und Sachebene auch gleich für Sie deuten. Vor 2849 Tagen (wenn ich mich nicht verrechnet und kein Schaltjahr vergessen habe) im September 2008 saßen wir Götter (stehen auf der Sachebene für uns Abiturienten) ziemlich genau an den gleichen Plätzen wie heute. Ich erinnere mich noch genau, wie Zeus (in unseren Kreisen besser bekannt als Herr Harsch) uns damals ein Bild von den Abiturienten des letzten Jahrgangs zeigte und wie wir ehrfürchtig zu ihnen aufblickten und uns gar nicht vorstellen konnten einmal soooo groß zu werden.

Und doch wurde uns mit diesem Bild sofort klar gemacht, dass die ganze Schulzeit nur als Vorbereitung auf die eine große Schlacht gesehen werden kann. Die alles entscheidende Schlacht mit dem furchterregenden Namen „Abitur“. Auch wenn wir uns damals noch überhaupt nicht göttlich fühlten und das Abitur noch in weiter Ferne schien, so steckte doch schon damals in jedem von uns ein Gott. Wir mussten nur einen Weg finden, unsere göttlichen Eigenschaften zum Vorschein zu bringen. Dazu gab es das Orakel oder in unserem Fall zahlreiche Vertreter des Orakels (auf der Sachebene gleichzusetzen mit den Lehrern), die uns das Wissen und die Fähigkeiten vermittelten, um aus jedem von uns einen Gott mit einzigartigen Attributen zu machen. Manche von uns auszubildenden Göttern wurden sportlich wie Nike, andere weise wie Athene, andere begabt in der Kunst und Musik wie Apollo und wieder andere widmeten sich der Natur und den Naturwissenschaften wie Pan, der Gott des Waldes.

Es blieben immer wieder einige von uns Götter auf der Strecke, die den feindlichen Angriffen in Form von Zyklopen (stehen auf der Bildebene für Klausuren), Titanen (besser bekannt als GFS) und den etwas ungefährlicheren Sirenen (entsprechen auf der Sachebene den Vokabelteste) nicht standhalten konnten, entweder weil ihnen der Kampf zu gefährlich und verlustreich erschien oder weil sie ihn nicht ernst genug nahmen. Allerdings wurden auch immer wieder neue Götter in den Olymp (Synonym für das MPG) aufgenommen, die aus anderen Göttergeschlechtern stammten und sich uns anschließen wollten.

Wir anderen wussten aber all die Jahre, dass es den größten und gefährlichsten Feind noch zu besiegen gilt. Auch wenn wir anfangs noch das Gefühl hatten, das Abitur sei in unerreichbarer Ferne, mussten wir bald feststellen, dass je weiter die Vorbereitung fortschritt, desto schneller die Zeit davonrannte und ein Schuljahr nach dem anderen verstrich: Immer wieder Sommerferien in immer schnelleren Frequenzen, dann Kurswahl, Kursstufe und plötzlich war es da das große, gefürchtete Abitur. Nach acht Jahren intensiver Vorbereitung zogen wir verbliebenen 113 Götter am 6. April in die Schlacht gegen die Giganten. Der Tag war vom Orakel als idealer Angriffszeitpunkt vorausgesagt worden. Und obwohl die Schlacht sieben Tage dauerte und zahlreiche Schweißperlen und Nervenzusammenbrüche forderte, sollte das Orakel wieder einmal Recht behalten.

Nach der letzten Kampfhandlung bzw. der letzten Abiturprüfung stellte sich bei den meisten ein wahrhaft göttliches Gefühl ein. Plötzlich ging alles ganz schnell: die letzte Klausur, die letzten Ferien und dann die letzte reguläre Schulstunde. Während nach der letzten Abiturprüfung alle in Feierstimmung waren und ihr Leben zuerst einmal den Göttern Dionysos und Hypnos, dem Gott des Weines und dem des Schlafes widmeten, erlebte ich am letzten offiziellen Schultag einige Götter nachdenklich und fast wehmütig auf dem Flur. Plötzlich wurde vielen von uns bewusst, dass unser erster großer Lebensabschnitt hier zu Ende ist. Einerseits haben wir uns die ganze Schulzeit gewünscht endlich all den Hausaufgaben, der lästigen Mittagsschule und dem frühen Aufstehen zu entkommen, andererseits lernt der Mensch bekanntlich erst dann die Dinge zu schätzen, wenn sie zu Ende gehen.

Nachdem auch die letzte Schlacht erfolgreich geschlagen war, wurde den Göttern bewusst, dass am Olymp keine weiteren Herausforderungen mehr auf sie warteten und sie überließen ihn den folgenden Göttergeschlechtern. Sie verstreuten sich in alle vier Himmelsrichtungen auf der Suche nach einer neuen Aufgabe, die ihr Leben erfüllt. Vermutlich wird diese Schule nie wieder eine so hohe Dichte an Göttern erleben wie heute Abend.

Viele von uns, die sich neben ihren Verpflichtungen noch in anderen Bereichen wie zum Beispiel der SMV, dem Sanidienst, der Technik-AG oder dem Chor engagiert haben, werden große Lücken hinterlassen. Aber nicht nur am Olymp werden wir vermisst werden, sondern ich bin mir sicher auch wir werden uns irgendwann gerne an unsere Zeit hier zurückerinnern und der eine oder andere wird sich früher oder später hierher zurückwünschen.

In diesem Sinne danke ich allen Mitgöttinnen und Mitgöttern, dass sie die Schulzeit zu dem gemacht haben, was sie war. Ich danke den Vertretern des Orakels, dass sie sich immer für uns eingesetzt und uns ideal auf die große Schlacht vorbereitet haben. Ich danke unseren Eltern und Geschwistern, dass sie uns immer unterstützt haben und unsere Launen vor allem in der letzten entscheidenden Phase ertragen haben. Ich danke Herrn Harsch, der als Zeus mit uns den Olymp verlassen wird, dass er uns durch unsere Schulzeit am MPG begleitet hat.

So, ich glaube, jetzt habe ich die Länge von 1.000 Wörtern erreicht und kreativ genug, um den Anforderungen einer Rede zu entsprechen, war es hoffentlich auch. Ich wünsche allen Göttern, dass sie jetzt die richtigen Entscheidungen treffen und einen Beruf finden, der ihnen Spaß macht. Zum Schluss bleibt mir nur noch zu sagen, dass ich hoffe, dass wir Götter uns irgendwann, wenn vielleicht auch nicht hier am Olymp, mal wiedersehen.

(c) 2012 Max-Planck-Gymnasium
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